11
Jan
2014

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Ich muss ja bleiben. Weil, solange die Sehnsucht bleibt, bleibe auch ich. Meine Sehnsucht ist nicht die nach dem plötzlichen Tode. Ich habe die Sehnsucht nach dem langsamen Tod, deshalb mache ich auch viele Dummheiten, Gott liebt so Verdorbene wie mich. Vielleicht werde ich hundert Jahre alt, glaubt man dieser kleinen Theorie. Und in diesen hundert Jahren spielen sich dann etliche Sehnsüchte ab, die einen, die mich schrittweise sterben lassen. Denn was ist denn der Tod eines anderen, den ich in gewissen Teilen immer als den meinen begreife. Ich sterbe als Tochter, als Sohn, ich sterbe als Schwester, als Bruder, ich sterbe als Geliebte, als Geliebter. Vielleicht auch nur als die Nachbarin, der Nachbar. Warum ich so auf geschlechtlichen Unterschied beharre? Ich beharre auf gar nichts. Ich beharre auf Gleichgesinntheit und vieles ist verloren.

Der Mann wird in der heutigen Zeit in den meisten Fällen in einer Art unterdrückt, dass er nicht mehr weiß, wie er sich als wirklicher Mann fühlen dürfte. Der Mann heute ist eine suchende Kreatur, die sich wiederfinden will, wiederfinden wird. Das sage ich als Mädchen, weil ich sehr genau weiß, was die Frau an sich für perfide Mittel gefunden hat, um in einer Weise zu agieren, die aber der männlichen Form konträr schlägt und sie etwas benutzt, das sich nicht unter ihrem imaginären Rock befindet. Es ist traurig. Sie haben sich die Hosen übergestreift.

Da ist dieser Junge (das könnte wahllos auch das Mädchen im Englischen Garten sein), der bockt, eigensinnig ist, laut sich äußert, einfach dem Tode nahe, dem Tode in der Beziehung zu seiner Mutter - drei Jahre vielleicht - die Mutter, die da lautstark verkündet, alle Leute würden schon schauen, weil er, der Unvollkommene (ich hoffe ja nicht Unwillkommene), so herumkrakeelt. Nicht dass es darum ginge, dass ein Mann bockig und eigensinnig zu sein hätte, aber diesem kleinen Menschlein all seine Empfindung nehmen zu wollen, das ist es, das mich dies hier schreiben lässt. Ich akzeptiere das nicht. Nein, ich akzeptiere jedwede Einschränkung nicht. Man kann mir gerne sagen, ich hätte die Flasche Rotwein heute weglassen können. Und ja, morgen werde ich dasselbe denken, denn es wird mich um ein Vielfaches in die Niederungen treiben und dort werde ich mich schlecht fühlen, wenngleich sich nichts ändert daran, dass ich dieses Ungleichgewicht nicht gut finde. Dort, in den Niederungen, werde ich wieder empfinden, wie abgrundtief verkommen diese Gesellschaft ist.

Die Gesellschaft, ich mach' einfach mal weiter, weil, ich weiß nicht, wie lange ich Lust habe tatsächlich zu schreiben. Die Gesellschaft ist vernachlässigbar als Konstrukt. Nicht zu venachlässigen ist der Einzelne. Und ich habe es gar nicht gerne, wenn menschlicher Ausdruck unterdrückt wird. Ich bin Kindern so dankbar, dass sie sich naturgemäß darüber hinwegsetzen, eigentlich gar nicht im günstigen Falle darauf einlassen. Auf diese Konstrukte, die den gesellschaftlichen Konventionen gemäß laufen sollen.

Was soll ich noch sagen. Ich würde sie gerne alle freischlagen. Ihnen die Erlaubnis geben. Dabei... kein Kind benötigt Erlaubnis, sie tun und lassen - ja, ihnen soll die Kraft dafür bleiben, sich nicht mäßigen zu lassen in dem, was die Natur liebt.

9
Jan
2014

...

Ja, es gibt Menschen, die reden einfach zu viel, deshalb sollten sie hin und wieder eine Weile schweigen. Also ich rede von Menschen wie mir. Dann gibt es die andere Sorte, die sich zurückhält, dabei hätten sie vielleicht wirklich etwas zu sagen, und sollten dies auch tun. Hier rede ich von Menschen wie mir. Paradox, denke ich bei mir. Und dann?

Dann bemerkt man, dass wenn man schweigt, eigentlich die Zeit des Aussprechens wäre, und redet man all das Erschwiegene in eine halbe proppe Stunde, spürt man ein so starkes Bedürfnis nach Schweigen, aber es erbricht sich. So wird es vielmehr absurd, denn das Puzzle wird nicht etwa auf einer weiten Fläche zum Bild zusammengelegt, sondern die Teile stapeln sich zu einem Turm in kürzester Zeit, man sitzt im Dachgewölbe und schaut hinab, hat den Überblick vielleicht, aber dennoch kaum Raum zu berühren. Nur ein Gefühl bleibt, wie es aus dieser Unbalanciertheit, diesem Ungleichgewicht hinauszufinden möglich sein könnte. Obwohl man sehnsüchtig in die Weite blickt, so hat sich die Kurzsichtigkeit eingestellt.

Die Stimmung des so verehrten Paradoxons, die einem einerseits so viel Ruhe schenkt, aber dem menschlichen Ausdruck immer ferner zu werden scheint und man wie in einem Zug sitzt, die vorübergleitenden Landschaften aufsaugt, aber doch weiß, dass man gegenstandslos wird, dass man sich aus diesem einen Grunde herauszieht, aus dem Bild. Darüber mittig schmerzt, dass man dauernde Abschiede herbeisehnt, damit man sich noch besser an sie gewöhne. Alles Interesse immer gleich auch Abschied bedeutet und darin eine solche Schönheit verborgen liegt, dass man; dass ich es nicht aushalte. So bleibt also mein Interesse an den Dingen immens, sogleich aber der Abschied jedoch noch viel immenser, mein Interesse am Interessanten da, mein Interesse am Abschied dada - ich springe wie ein Alleinspieler von einer Seite der Wippe zur anderen und während sich der Balken von eigener Höhe in eigene Tiefe bewegt, werde ich sehr klar darin zu sehen, dass ich den Abschied allem vorziehe, bevor er mich überraschen könnte. Ich verabschiede, bevor ich überhaupt zu vollendetem Hineinlassen komme. Mich auf die Dinge einzulassen, denn ich fühle mich ihnen so tiefnahe, dass der viel zu frühe Abschied ein alter Bekannter bleibt, ohne zu einem wirklichen Vertrauten zu werden, den man bereit ist, wirklich kennenzulernen. Dass ich wider besseren Empfindens gegen die innerste Sehnsucht handele und stets einen vergleichsweise schwachen Abschied feiere, der aber eine weitaus höhere Wertschätzung verdient hätte. Denn zerreißen wird er nur das Bild.

7
Jan
2014

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Mal ganz offen gesagt, der Stock muss einfach aus'm Arsch. So sieht das aus. So klingt's hindurch. Sanftpoetisch ist das nicht, aber sanftpoetisch ist auch nicht das, was sich zeigen würde, wäre der Stock aus'm Arsch. Könnte ich den Dorn entfernen, käme einfach nur das Gegenwärtige ans Licht. So bleibt's Gewäsch des Althergebrachten. Es gibt sie wohl, die Momente des entspannten unausgefüllten Blattes, wo er, der Dorn, das Dörnchen, der Stock, wie von selbst zu Boden fällt, abfällt wie eine ausgedorrte Wunde, es geht nicht um irgendeinen Sinn in diesen ungebundenen Äußerungen. Empfindung. Nur ein Wort. Ich muss es empfinden, das, was sich durch das Wort hindurch verbirgt. Und eine gute Unterscheidungskraft zu erwirken, dafür braucht's den Stock dort wie auch da, drüberhinwegsehen hilft hier nicht viel, wenn's peinigt. Es hilft nichts, wenn du dir die Augen zuhältst - wenn dir jemand die Bassgitarre auf's zitternde Knie stellt und es tief in dich hineinsummt, das emsige Bienenvolk aus'm Stock. Tieftief. Aber nun reiß dir nicht gleich wieder so unwirsch den Pathos aus dem Hintern. Mach langsam und entdecke den Gewissenswurm, als wär's das Letzte, was du tust, wie man so schön sagt. Zeig dich mal in all deinem Winden, du bist zu wenig talentiert für's Stocksitzen, überlass' das doch den Könnern, kleines wildes Tier, das sich zwingt zu verharren. Es kann gleich auch vorüber sein, was willst du bis dahin getan haben, damit du dir zuflüstern kannst: Ja.

6
Jan
2014

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Ich hatte ja gleich gesagt, lass es bleiben. Daraufhin hatte ich erwidert, dass es einerlei sei. Ich kam mir bei weitem gescheiter vor als ich selbst. Nicht so leicht, an seiner Gescheitheit festzuhalten, wenn man das Wesen durch die Venen zieht. Denn tatsächlich musste ich freisegeln, denn das Meer wog all das auf, was ich hineingeworfen hatte. Da stand die Waage. Unentschlossen. Gescheit. Die Waage wusste, dass ich mich auf eine Seite würde schlagen müssen. Dazu will es sagen, dass - ist man nicht wankelmütig - es unmöglich wird, diesen Bewegungen zu folgen, denn wo bliebe all das Schwanken. Und schweigt man, ist man viel, aber es bleibt das Aber. Folgt man ihr, der Waage, dem Wagnis, ist man entweder der Wind oder tragend. Es hat sich nichts geändert. Es wird sich nichts ändern im Ändern. Es ist gut zu sehen, dass ich es nicht zu ändern in Händen habe. Es ist so windig. Sag doch. Es ist windig, ja. Es ist so windig, all mein Nichtschweigen kommt nirgendwo an. Es hat mich in diesen Ursprung hineingeweht, wo es ist. Das Wort, das erste. Das da wäre? Meines wäre: Ja. Und hätte ich Nein gesagt, wäre ich voll schmerzhafter Wendungen, um zu gelangen hin zu dir.
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Zuletzt aktualisiert: 11. Jan, 22:11

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